von jb am 04.08.2008 um 14:20 in Impression

Pippi Langstrumpf und Legosteine sind abgeschrieben — stattdessen haben etwas eigenartige, virtuelle Fabelwesen die Macht im Kinderzimmer übernommen: der besoffene Elch, ein Frosch, der sein Motorrad nicht findet und versucht, eben jenes zu imitieren, oder auch die fröhlichen Tassen haben jetzt das Sagen.
In Zeiten, in denen vierjährige Kindergartenkinder Papa mit ihrem Handy anrufen, weil sie abgeholt werden wollen, ist das kein Wunder. Da muss eben auch der Klingeltonmarkt revolutioniert werden, damit schon die Kleinsten an ihr Niveau angepasste Melodien oder Sprüche abspielen können.
Und dem Arbeitsmarkt kommt es auch zu Gute. Von wegen Arbeitsplatzabwanderung in Billiglohnländer: Noch billiger als in Deutschland lassen sich Klingeltöne wohl kaum mehr produzieren — da macht es doch auch nichts, wenn kleinere Rechenfehler in der Pisastudie diagnostiziert werden und Deutschland zum x-ten Mal auf dem letzten Platz landet, weil der Nachwuchs statt zu lernen lieber die Abwanderung der Klingeltonindustrie durch das Buchen einiger Klingeltonabonnements zu verhindern versucht hat.
Und die Klingeltöne haben außerdem auch ihren pädagogischen Nutzen: Kinder lernen in praktischen Videos auf anschauliche Weise das Verhalten von Elchen unter Alkoholeinfluss und bemerken, dass Frösche gar nicht reden, sondern nur Motorräder imitieren können — da ist wohl in den Märchen der Gebrüder Grimm einiges falsch gelaufen.
Ein weiterer Vorteil ergibt sich zudem für Anrufer: So schnell wie heutzutage hat noch nie jemand ein Gespräch angenommen — man will aber ja auch nicht allzu lange furzende Bären in seiner Tasche herumtönen lassen.
Ein toller Nebeneffekt: Die Anbieter haben Grund zur Freude, denn durch die neue Niveaupalette klingeln nicht nur die Handys, sondern auch ihre Kassen.
Doch der einzig wahre Trost für geplagte Eltern, Mitschüler und das nahe Umfeld, denen der Kopf klingelt: Irgendwann ist jeder Handyakku leer und bedarf einer Erholung von den wilden Klingeltonkreaturen.
Aber bis dahin kann kind ja immer noch die Klingeltonwerbung im Nachmittagsprogramm verfolgen. Denn eines ist doch klar: „Das neue „Jamba Sparabo” bietet jetzt noch mehr Vorteile für nur 4,95€ im Monat!”.
Dieser Essay entstand im Rahmen einer Hausarbeit in der 9. oder 10. Klasse und wurde aufgrund aktueller Diskussionen hervorgekramt. Viele unter uns werden sich bestimmt noch an den verrückten Frosch und den besoffenen Elch erinnern können. An wem dieser Trend erfolgreich vorbeigegangen ist, darf sich glücklich schätzen.
Bild von ankor2 - Motiv: © Jamba!

Einträge


• JAKOB in Ein Abgesang auf das Musikfernsehen as Wyatt
• LEXXA in Ein Abgesang auf das Musikfernsehen as Agent Billy
• JOHANNES in Ein Abgesang auf das Musikfernsehen as Witness #3
• JAKOB in Stöckchen: Mein Leben in Songtiteln as The Duke