von jb am 18.02.2008 um 15:57 in Impression
Mein Beitrag zum Deutsch-LK in Form einer Ransmayr-Rezension. Viel Spaß...

Der Roman liegt vom Sonnenlicht beschienen auf dem Tisch; eine Taschenbuchausgabe für knapp 10€, mit einem nichts sagendem Meeresfoto auf Vorder- und Rückseite, garniert mit einer Welle auf dem Buchdeckel, auf der die unschuldige Prägeschrift den Titel von Christoph Ransmayrs zweitem Werk „Die letzte Welt” verkündet. Das Meeresfoto strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, doch so friedlich der Roman auf den ersten Blick auch wirken mag, so verwirrend und ermüdend erscheint dieser beim ersten Lesen.
Ransmayr erzählt die Geschichte vom Römer Cotta, der den im Exil lebenden Dichter Ovid sucht, um das Gerücht seines angeblichen Todes zu widerlegen und sein verschollenes Werk „Die Metamorphosen” zu finden. Cotta findet statt Ovid nur Spuren und Hinweise in der Stadt Tomi, die ihn unter anderem zu Echo führen, mit der er eine Beziehung beginnt. Echo erzählt ihm von Ovid und seiner Gabe, Geschichten im Feuer zu lesen. Und mit der Zeit erkennt Cotta, dass die Metamorphosen durch ihn zum Leben erweckt werden...
Beim Erzählen jongliert Ransmayr mühelos zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fiktion und Realität und vermischt antike Traditionen mit modernen Errungenschaften der Technik: Da fahren Busse im frühzeitlichen Tomi und Modezeitschriften werden zu begehrten Mitbringseln, die per Schiff aus Rom eingeführt werden.
Fast nebenbei kritisiert Ransmayr politische Ereignisse aus jüngster Vergangenheit und thematisiert aktuelle gesellschaftliche Probleme. Scheinbar zurecht: 1989 wurde der Roman in Rumänien verboten, weil man vermeintliche Systemkritik entdeckt hatte. Ein Erfolg, der bezeugt, dass „Die letzte Welt” mehr ist als ein einfacher Roman.
Und gerade dieses Potenzial ist auch der Schwachpunkt des Romans. Zu oft muss sich der Leser durch ein Kapitel hangeln, von Metaphern zu Anspielungen auf historische Ereignisse und sich immer wieder selber motivieren, die nächste Seite aufzuschlagen. Zu komplex sind einige Zusammenhänge, zu weitgreifend der Rundumschlag durch griechische Mythologie, der nach Vorwissen und Sekundärliteratur verlangt.
Bei aller sprachlicher und erzählerischer Genialität, ist „Die letzte Welt” vor allem aufgrund der positiven Kritiken ein Selbstläufer geworden. Er wurde als einer der erfolgreichsten Werke des Jahres 1988 gehandelt, hoch gelobt von Deutschlands intellektueller Elite, sogar ins Englische übersetzt und unter anderem von der New York Times rezensiert.
Aber Ransmayr erzählt nicht für die Massen, die den Roman kaufen. Vielmehr ist „Die letzte Welt” eine anspruchsvolle Lektüre, die meinem Selbstverständnis von anhaltendem Lesespaß nicht standhalten konnte. Erfahrene Leser mit einer Affinität zu griechischer Mythologie sollten einen Blick wagen, auf alle anderen wartet eine Menge Arbeit, wenn sie in der „letzten Welt” Fuß fassen wollen. Und die Erkenntnis, dass eine positive Kritik bedeutender Tages- und Wochenzeitungen noch lange keinen Maßstab für Lesespaß, für Emotionen oder gar für ein lang anhaltendes Leseerlebnis darstellt.
Trackback
Trackback-URL: http://tunefish.net/trackback/86
Kommentar schreiben

Name:
*Email:
*Website:

Klick für Reload
Kommentar:
 

* freiwillige Angaben; die Mailadresse wird nicht veröffentlicht!